Reisebericht 2026
Dieses Mal bin ich alleine nach Nepal geflogen. Eine bewusste Entscheidung: Etwas Me-Time gönnen, den Kopf lüften – und natürlich schauen, was unsere Projekte so machen, und einem weiteren Dorf Ziegen übergeben. Ohne Familie im Gepäck war die Reise wieder eine andere Erfahrung. Ruhiger in mancher Hinsicht, aber auch intensiver: Man sitzt viel, wirklich viel, in Jeeps. Bei den Strassen ausserhalb der grossen Achsen ist das alles andere als eine entspannte Angelegenheit.
Ankunft in Kathmandu
Am Dienstag kam ich frühmorgens an – nach dem langen Flug wie immer leicht benebelt, aber glücklich. Ein kleines Frühstück im Gaias, dann weiter ins Hotel, kurz geduscht, kurz hingelegt. Am Nachmittag dann das, worauf ich mich immer besonders freue: alte Freunde treffen, Tee trinken, reden. Am Abend gab es natürlich Dhal Bhaat. Der erste Teller nach der Ankunft schmeckt jedes Mal am allerbesten!
Panchase – Ziegen für ein weitverstreutes Dorf
Am Mittwoch stand der Jeep bereits um 7 Uhr bereit. Ziel war Panchase. Die Strasse direkt ab Kathmandu war leider verschüttet, sodass wir via Nepali Autobahn eine Umfahrung nehmen mussten – was die Fahrt deutlich verlängerte. Die letzten zwei Stunden waren dann wieder das, was man aus Nepal kennt: Staub, enge Kurven, und ohne 4x4 wäre man schlicht nicht weitergekommen.
Diesmal hatte ich wunderbare Begleitung. Narayans Frau Pari war dabei – sie kenne ich nun schon seit 16 Jahren, und es ist jedes Mal schön, mich auch mal mit einer Frau unterhalten zu können. Ausserdem war Naran mit von der Partie, der in Bhumesthan bei seinen Grosseltern aufgewachsen ist. Seine Eltern leben in Kaste – dem Dorf, das wir vor zwei Jahren mit Ziegen beschenkt haben – und so kennt er Narayan seit frühester Kindheit. Er ist ein grosser Fan von WIR BEWEGEN und hilft Narayan dabei, bedürftige Dörfer ausfindig zu machen und zu besuchen. Seit diesem Jahr ist er nun auch offizielles Teammitglied, denn er möchte gerne mithelfen, die Ärmsten seines Landes zu unterstützen. Eine grosse Freude für uns alle.
In Panchase angekommen waren viele Dorfbewohner noch auf dem Weg – das Dorf liegt extrem verstreut über einen steilen Hang verteilt, und es dauert seine Zeit, bis alle versammelt sind. Wie so oft hielten wir die Zeremonie bei einer etwas besser gestellten Familie ab. Das hat seine Gründe: Diese Familien kümmern sich ums Dorf, unterstützen die Schwächsten und haben schlicht mehr Platz und Sitzgelegenheiten. Und sie laden uns am Ende fast immer zu einem Festessen ein – als Dankeschön.
Die Ärmsten des Dorfes wohnen ganz unten am Fluss und gehören der Tamang-Ethnie an. Viele alleinstehende Frauen – eine ganze Schar verabschiedete sich am Ende der Zeremonie in Richtung Fluss. Leider konnten wir nicht mit dem Jeep hinunterfahren, der Weg war ebenfalls verschüttet. Dazu herrschten um die 32 Grad und eine drückende Luftfeuchtigkeit – nicht gerade ideal für eine stündige Wanderung bergab.
Irgendwann waren alle da. Wir wurden mit Blumenkränzen und Schalen geschmückt, die Menschen bedankten sich bei uns, und dann wurde es feierlich: Anhand einer Liste wurde jede Familie aufgerufen, um ihre Ziege in Empfang zu nehmen und sie uns zu zeigen. Diesmal gab es zwei Zuchtböcke, denn das Dorf ist so weitläufig, dass einer allein nicht gereicht hätte.
Auf den Fotos sieht man die gelben Knöpfe in den Ohren der Tiere. Weil wir in den letzten beiden Projekten einige Tiere im ersten Jahr verloren haben, haben wir diesmal eine kleine Versicherung für die Ziegen abgeschlossen. Der Rupee ist im Moment sehr schwach, was uns ermöglicht hat, diesen Schritt zu finanzieren: Stirbt ein Tier im ersten Jahr, wird es kostenlos ersetzt. Die Idee fand ich wirklich gut – denn wie so oft trifft es am härtesten diejenigen, die ohnehin schon am wenigsten haben.
Besonderes Glück hatte eine Familie, deren Ziege bereits trächtig war, als wir sie kauften. Sie hat also gleich zwei Tiere erhalten. Natürlich ist das nicht 100% fair – aber eine vollständige Gleichheit ist in solchen Projekten kaum zu erreichen, und das ist auch in Ordnung so.
Das Fotografieren war diesmal eine besondere Herausforderung. Der Platz war eng, und jedes Mal, wenn ich in die Hocke ging, kamen die Ziegen und versuchten, meine Blumenkränze zu fressen. Ausserdem lief ständig jemand durchs Bild. Aber ein paar gute Aufnahmen sind mir trotzdem gelungen – da bin ich zuversichtlich.
Nach der Zeremonie gab es ein herrliches Dhal Bhaat, bevor wir noch ein Stück durch den oberen Dorfteil spazierten. Dort lebten Familien, die zwar Ziegen hatten – aber keine mit gelbem Knopf im Ohr. Auf Nachfrage, warum nicht, sagten sie uns, dass es ihnen nicht schlecht gehe, dass sie unser Projekt wunderbar fänden – aber sie wollten, dass wir das Geld lieber für Menschen verwenden, die es dringender brauchen. Diese Ehrlichkeit, dieses selbstlose Denken, das hat mich sehr berührt. Es ist ein Denken, das man bei uns kaum noch findet.
Danach ging es wieder rund fünf Stunden zurück nach Kathmandu. Diese Fahrten sind wirklich sehr streng und man ist jedesmal dankbar wieder in Kathmandu zu sein.
Grang – Vier Jahre später
Am nächsten Morgen wieder früh los, diesmal nach Grang. Ich wollte sehen, was sich in den letzten vier Jahren dort getan hat. Wir haben uns diesmal nicht angekündigt, also wartete keine grosse Delegation auf uns.
Das Dorf hat sich deutlich verändert. Es wird extrem viel gebaut, ich habe es stellenweise kaum mehr erkannt. Überall liefen Hühner herum, und Ziegen gab es reichlich – obwohl die meisten gerade auf der Weide am Fluss unten waren.
Ich konnte mich mit einer älteren Dame unterhalten. Sie erzählte mir, dass sie in den letzten dreieinhalb Jahren vier Ziegen verkaufen konnte – zwei weitere, die noch etwas wachsen müssen, kommen im Herbst dazu. Das macht ein Einkommen von rund 800 Dollar, das sie sonst nicht gehabt hätte. Wenn ich bedenke, dass wir in Bhumesthan pro Haus etwa 1'300 Dollar für Baumaterial ausgegeben haben, dann gibt das einen eindrücklichen Massstab, was 800 Dollar im Leben dieser Menschen bedeuten.
Es ist wunderschön zu sehen, wie sich ein solches Projekt über die Jahre entfaltet. Die Tiere vermehren sich, die Menschen verkaufen, sparen, investieren – und irgendwann ist aus einer Ziege ein kleines, stabiles Einkommen geworden. Genau das ist es, was wir wollten.
Me-Time – Der Langtang Trek
Nach den Projektbesuchen hatte ich mir bewusst etwas Zeit für mich selbst reserviert. Und was bietet sich in Nepal besser an als ein Trek?
Wir starteten nicht wie üblich ab Syaphru Besi, sondern liessen uns mit dem Jeep ein gutes Stück höher fahren – so konnten wir einen langen Aufstieg umgehen und wanderten von dort nur noch anderthalb Stunden gemütlich nach Sherpagaon hinein. Unterwegs passierten wir einen kleinen Konvoi, der mich zum Schmunzeln brachte: Nagelneu glänzende Elektroautos, importiert aus China – auf staubigen, buckligen, löchrigen Strassen, die man kaum als solche bezeichnen würde. Ich hatte mir noch nie überlegt, wie Neuwagen eigentlich nach Nepal kommen. Jetzt weiss ich es. Holpernd und tapfer.
In Sherpagaon übernachteten wir gemütlich und brachen frühmorgens auf, bevor die Hitze einsetzte. Mittagessen im Riverside, dann weiter nach Thangsyap. Beim Aufstieg vom Riverside dachte ich kurz, ich würde sterben. Viel Zeit für ein Training hatte ich vor der Reise schlicht nicht gehabt. Aber kaum auf einer ebenen Passage angekommen, lief es von selbst, und es war wunderschön.
Am nächsten Tag gingen wir etwas weiter als Langtang. Die Felswand, die beim Erdbeben 2015 abgebrochen ist, ist noch heute eindrücklich zu sehen – das alte Dorf liegt immer noch unter den Steinmassen begraben. Ich musste einen Moment innehalten. Das neue Dorf ist gut aufgebaut, erdbebensicher, bunt – aber den Charme der alten Steinhäuser vermisse ich ehrlich gesagt.
Das Hotel an jenem Abend war hingegen eine echte Überraschung: heisse Dusche, bequeme Betten. Eine absolute Wohltat auf 3'500 Metern.
Der letzte Aufstieg nach Kyangjin Kharka war dann ein Happy Day: nur 350 Höhenmeter, kein steiler Anstieg, keine endlosen Steinstufen. Oben angekommen, schauten wir uns das Kloster an, das majestätisch über dem Dorf thront, und statteten der lokalen Käserei einen Besuch ab – Yakkäse, parmesan-ähnlich, wunderbar.
Um 5 Uhr aufgestanden in der Hoffnung auf einen Sonnenaufgang – und dann die Enttäuschung: alles verhangen. Nur ein kurzer, freier Blick auf den Langtang wurde uns gewährt. Aber dieser eine Moment hat gereicht: auf knapp 4'000 Metern stehen und vor sich eine weisse Wand, nochmals 3'200 Meter höher. Einfach eindrücklich ♥.
Nun ging es bergab. Mir wurde unterwegs klar: Je weiter ich laufe, desto mehr Zeit habe ich in Kathmandu – und desto entspannter wird das Programm dort. Also liefen wir von Kyangjin Kharka bis Bamboo durch. Ein amerikanischer Wanderer meinte, das seien 15 Meilen und über 2'000 Höhenmeter Abstieg. Es dauerte 11 Stunden. Aber ich habe es geschafft. Irgendwann bin ich in ein langsames, meditatives Gehen verfallen – dieses Gefühl liebe ich. Man denkt nicht mehr, man läuft einfach. Am letzten Tag nochmals drei Stunden und knapp 500 Höhenmeter, dann der Jeep zurück nach Kathmandu – rumpelnd, schlaflos, glücklich.
Danach hatte ich vier Tage Muskelkater, trotzdem wäre ich am liebsten noch tagelang weitergelaufen.
Für mich ist das Trekken wirklich Meditation, Detox und pure Glückseligkeit in einem.
Die letzten Tage in Kathmandu
Zurück in der Stadt: heisse, lange Dusche. Dann ins Electric Pagoda, mein Lieblingsrestaurant in Kathmandu – einfach sitzen, gute Musik hören, kein nepalesisches Essen, Tagebuch schreiben und irgendwann ins Bett. Eine Wohltat.
Am nächsten Vormittag besuchte ich den Pashupatinath-Tempel – einen der bedeutendsten Hindu-Tempel der Welt und seit 1979 UNESCO-Weltkulturerbe. Der Tempel liegt am Ufer des heiligen Bagmati-Flusses und ist dem Gott Shiva geweiht, dem „Herrn alles Lebendigen". Für Nicht-Hindus ist der innere Tempelbezirk zwar nicht zugänglich, aber allein die Ghats am Fluss – wo Verbrennungszeremonien stattfinden – und die Atmosphäre ringsherum sind schon für sich ein tief bewegendes Erlebnis. Es war belebt: Nepalis, Pilger aus ganz Indien, und irgendwie auch immer wieder Touristen, die sich für Gruppenfotos anstellen. Ich musste für zahlreiche indische Besucher als Fotomotiv herhalten ;)
Beim Zuschauen der Verbrennungszeremonie kamen ein paar Sadhus auf mich zu. Sie hatten mein Tattoo auf dem Arm bemerkt – कोसिश गरे सकिन्छ – „wenn wir daran arbeiten, wird es möglich" Daraus entstand ein entspanntes, spannendes Gespräch. Ein schöner Moment, so ein bisschen zwischen den Welten.
Den letzten Tag verbrachte ich mit meinen nepalesischen Freunden. Tee, gutes Essen, das unvermeidliche Abschiedsgefühl. Am Abend gingen wir mit Narayans Familie noch Pizza essen – sein Sohn hatte sich das gewünscht. Ich war ehrlich gesagt auch ganz froh, nicht nochmals Dhal Bhaat essen zu müssen.
Um 5 Uhr zum Flughafen, 20 Stunden später wieder daheim. Müde, glücklich, und mit der vertrauten Sehnsucht, die Nepal bei mir jedes Mal hinterlässt, wenn ich abreise.
Diese Reise war anders als die Letzte. Kein Mann, keine Kinder, keine geteilte Aufmerksamkeit – nur ich, die Projekte, und die Berge. Und genau das hat mir gut getan.
Was mich jedes Mal aufs Neue berührt: wie viel ein kleiner Beitrag bewegen kann. Die alte Dame in Grang, die in dreieinhalb Jahren aus einer Ziege ein echtes Einkommen gemacht hat. Die Familien in Panchase, die bescheiden genug sind zu sagen – gebt das Geld lieber jemandem, der es mehr braucht.
WIR BEWEGEN ist kein grosser Verein, wir haben kein Büro, keine bezahlten Mitarbeitenden, kaum Verwaltungskosten. Aber wir haben Narayan, wir haben Arjun, wir haben neu Naran – und wir haben euch, die ihr spendet und vertraut. Danke von Herzen ♥














































































































































